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Blog von Juliane Bieberstein zum Gaza Freedom March (GFM)

05.01.2010 (Pyramiden)

04.01.2010 (Höchstes Gericht)

03.01.2010

02.01.2010

01.01.2010 (Demo vor israel. Botschaft)

31.12.2009 (Geplanter Marsch, Kundgebung vorm Museum)

30.12.2009 (Demo vorm Pressesyndikat)

29.12.2009

28.12.2009 (Fahrt nach Al-Arish)

27.12.2009 (Boots-Aktion)

 

Giza-Pyramiden am Rand von Kairo
Vor dem Obersten Gericht

04.01.2010:

Gegen 11 Uhr laufe ich zum Höchsten Gericht in Kairo, nicht weit vom Hotel entfernt. Dort angekommen, ist die von der neuen linken „6. April“-Bewegung in Ägypten initiierte Demo bereits in vollem Gange und die Aktivisten sind, wie bei den Demos meistens der Fall war, eingekesselt von Soldaten. Der Protest richtet sich gegen den Bau der unterirdischen Stahlmauer zwischen Ägypten und dem Gaza-Streifen. Zunächst stehe ich mit ein paar anderen aus unserer deutschen Gruppe beobachtend auf gegenüberliegenden Straßen wobei wir mehrmals von Verkehrspolizisten darauf hingewiesen werden, dass wir dort nicht stehen dürften. Nach einer Weile überquere ich dann mit Gottfried Dernbecher die Straße und schließe mich den anderen Demonstranten an. Einige halten Plakate hoch, z. B. von CodePink: „Stop the siege of Gaza“, „Women Say No To The Wall“. Teils werden englische Sprechchöre ausgeführt, teils arabische – letzteres von den hauptsächlich jungen Ägyptern, von denen viele Studenten sind. Gegen 12:30 Uhr werden wir gebeten, eine, diesen Morgen in Ägypten eingereichte, Klage gegen die Stahlmauer mit unserer Unterschrift sowie einer Zahlung von $10 zu unterstützen.
Die einzelnen Punkte der mehrseitigen Klageschrift lauten:

  1. Der Bau der Stahlmauer verstößt gegen internationales Recht
  2. Das Schließen der Rafah-Grenze stellt seitens Ägyptens eine Verletzung der Vereinbarungen mit arabischen Ländern dar
  3. Der Bau der Stahlmauer widerspricht der Verfassung

Allerdings werden wir dann im Gerichtsgebäude nach einer Wartezeit von mehreren Minuten darauf hingewiesen, dass wir hierfür eine Wohnberechtigung (residency visa) für Kairo bräuchten. Der Anwalt Ibrahim Youssry empfiehlt uns die Deutsche Botschaft zu kontaktieren, da unser normales Visum ausreichen würde oder alternativ von Deutschland aus die Klage zu unterstützen. Gemeinsam brechen wir anschließend auf in ein nahe gelegenes Café um das weitere Vorgehen sowie die Planung für den Tag zu besprechen. Ute ruft zunächst die Deutsche Botschaft an, allerdings sagt diese, dass sie uns auch nicht weiterhelfen könne. Später erfahren wir, dass im ägyptischen Recht bei einer Klage ein Interesse vorliegen muss.

Im Redaktionsbüro
links: Magdi Gohary

Dann schlägt Magdi Gohary, ein Ägypter, der seit vielen Jahren in Deutschland lebt, ein Gespräch mit einer der wichtigsten liberalen, regierungskritischen Tageszeitungen Ägyptens vor: Al- Masri Al-Youm (www.almasry-al-youm.com/eng). Er schlägt vor, hinzugehen - „Mit Anrufen läuft nichts in Ägypten!“ - und daher brechen wir nach unserer kurzen Kaffeepause wieder auf. Als wir schließlich das Redaktionsbüro erreichen, versucht Magdi – energisch(!) aber nicht unfreundlich – spontan einen Termin für uns zu bekommen, was auch gelingt. Wir können sofort ein Interview mit dem Redakteur für Außenpolitik führen um unsere Motive für den Marsch darzulegen. Laut Magdi wird zu wenig über unsere Motive geredet; regierungstreue Medien werfen uns, den Gaza Freiheitsmarschierern, Polit-Tourismus vor. Das Gespräch mit dem Redakteur, in dem wir nacheinander frei reden können und ein paar Fragen beantworten, dauert ganze 1,5 Stunden und hat sich unseres Erachtens wirklich gelohnt! Mit ein wenig Glück sind wir morgen in dieser Zeitung, die auch auf Englisch herausgebracht wird.
(Nachtrag: Leider konnten wir unser Interview in den folgenden Tagen in der englischen Online-Ausgabe nicht entdecken. Vielleicht war es aber in der arabischen Ausgabe, nicht alle Artikel werden ins Englische übersetzt.)

Gleich im Anschluss brechen wir zu einer Sitzung einer sozialistischen Bewegung auf (www.e-socialists.net), wo wir eingeladen wurden. Ein paar Franzosen und später noch zwei Organisatoren von CodePink sind auch dabei, so dass das Arabische jeweils ins Deutsche, Englische und Französische übersetzt wird. 2,5 Stunden wohnen wir der Sitzung bei, in der viel über die sich im Bau befindliche unterirdische Stahlmauer zwischen Ägypten und dem Gaza-Streifen, geredet wird – sowohl über die Motive zum Bau, die mutmaßlich schon vor einem Jahr begann, sowie über die Art der Konstruktion. Geschätzt wurde, dass die Kosten in die Milliardenhöhe gingen, welches nicht allein von Ägypten aufzubringen sei.

Abends, als ich mit ein paar anderen Aktivisten zusammen esse, erfahre ich von Alexandra, dass sie für ein ägyptisches Wochenmagazin ("Karama") interviewt wurde - das Interview soll nächste Woche erscheinen, (die Zeitung erscheint ausschließlich in Arabisch).

03.01.2010:

Gegen Mittag verabreden Gabi Bieberstein und ich uns mit Gottfried Dernbach und Marco Görlach um uns die islamische Altstadt von Kairo anzusehen. Wir lassen uns per Taxi zum Bazar fahren und schlendern dann ein wenig durch die Gassen, wo uns T-Shirts, Araber-Tücher und weiteres angeboten werden. Ein Verkäufer will uns mit dem Spruch „How can I get your money?“ ködern.. Später essen wir dann an einem einfachen Imbissstand, nachdem wir einige Läden in dem christlichen Viertel, wo wir anschließend unterwegs sind, leider geschlossen vorgefunden haben – es ist Sonntag. Abends beschließen wir dann eine Bootstour auf dem Nil zu machen. Als wir dort angelangt sind und einen Preis ausgehandelt haben (120 Pfund für alle), warten wir noch auf ein paar andere aus der deutschen Gruppe, die mitfahren wollen. Bis alle 4 eingetrudelt sind, sind allerdings 2 Stunden vergangen(!) – in denen wir uns das laute Gedudel der Musik auf den Booten anhören mussten.. Schließlich gegen 8 startet dann aber unser gemietetes Boot für die 1,5 stündige Fahrt auf dem Nil – ohne Musik! Es ist mittlerweile recht frisch ohne Jacke, aber Mouna leiht mir ihre Decke aus, die sie mitgebracht hat. Im Anschluss wollen wir (nochmals) das Altstadtviertel erkunden, da wir noch nicht alles gesehen haben und fahren – zu fünft in einem Taxi eingequetscht – dorthin. Neben einem Shopping-Bummel komme ich nun auch dazu noch etwas in einem der Touri-Läden zu essen: Koshary, ein ortsübliches leckeres Nudelgericht mit getrockneten Zwiebeln, Bohnen, Reis und einer Salsa-Sauce. Irgendwann gegen 1 falle ich dann todmüde in mein Hotel-Bett.

02.01.2010:

Den Vormittag verbringen Gabi Bieberstein und ich (mal wieder..) im Internet-Café um unsere Website bzw. meinen Blog zu ergänzen. Mit Gottfried Dernbecher und ein paar anderen jungen Leuten, unter Anderem Marco Görlach, treffen wir uns dann in einem der vielen kleinen Parks auf der anderen Nil-Seite, wo wir quatschen, die Aussicht genießen und ein wenig Tee trinken.. Der 1. Tag ohne eine GFM-Aktion :) !

Abends treffen wir uns dann mit einigen anderen aus der deutschen sowie der österreichischen Gruppe in dem Restaurant Felfela - gedacht war die Planung weiterer gemeinsamer Aktivitäten nach Kairo, allerdings ist der Ort recht laut und wir sind auf 3 Tische aufgeteilt, so dass kein wirkliches Meeting stattfinden kann. Bin recht k.o. als sich die Gruppe gegen Mitternacht auflöst - ein paar Leute werden in der Nacht bzw. dem frühen Morgen schon den Rückflug antreten - entschließe mich dann aber doch, mich Marco und anderen anzuschließen, die noch in einem Café etwas trinken und Shisha rauchen wollen. Dort verabschiede ich mich dann auch noch von den beiden Österreichern und tausche mit Vera Email-Daten aus.

01.01.2010:

Heute um 13:00 Uhr findet die (vorerst) letzte, von CodePink organisierte Aktion statt und zwar diesmal vor der israelischen Botschaft. Einer der Gründe war, dass wir von der Deutschen Botschaft erfahren haben, dass die ägyptische Regierung verärgert ist, dass sich unser Protest nur gegen sie richte. Max. eine Viertelstunde vorher sollen wir uns in der Nähe des Zoos einfinden, dessen Haupteingang sich schräg gegenüber der Botschaft befindet. Diese befindet sich aus Angst vor Anschlägen in den obersten Stockwerken eines heruntergekommenen Wohnhauses. Nur die israelische Flagge gibt einen Hinweis auf dessen Existenz. Wie bei der großen Aktion am vorherigen Tag sollen wir uns in Kleingrüppchen verteilt wie Touristen verhalten. Als Gabi Bieberstein und ich gerade auf die Mitte des Kreisverkehrs zusteuern, wo wir ein paar bekannte Gesichter ausmachen, beginnt der Flashmob auf der einen Seite des Kreisverkehrs, wo es zur Brücke über den Nil geht. Ein junger Mann schwenkt eine weiße Fahne/Tuch - und viele Aktivisten rennen auf ihn zu und positionieren sich an beiden Seiten der Straße. Zunächst ist kaum Polizei auszumachen, abgesehen von ein paar Verkehrspolizisten und den Wachen der Botschaft. Wir beobachten weiter von der Kreismitte aus, da wir wie ein paar andere Aktivisten auch beschlossen haben, diesmal aus Sicherheitsgründen nicht mitzumachen und daher lediglich normale Kleidung tragen. Zwischendurch bewegen sich auch Demonstranten auf der Straße, so dass der Verkehr blockiert wird. Nach einigen Minuten gehen wir wieder zum schattengeschützen Zoo-Eingang, wo wir uns anderen Aktivisten anschließen. Plötzlich fahren 2 Militärwagen mit Spezialeinsatzkräften auf die Demonstration zu, allerdings findet kein Einkesseln der Leute statt. Die Wagen fahren zunächst auf die gegenüberliegende Straßenseite. Da die Situation anschließend einen ruhigen Anschein erweckt (wie es auch von einer CodePink-Organisatorin bestätigt wird), nähern wir uns den Demonstranten. Wir überqueren die Straße und ich schieße einige Fotos. Ebenso wie Gottfried, der noch näher dran ist am Geschehen. Plötzlich kommt ein Polizist in Zivil auf ihn zu und scheint ihn zu bedrängen. Er erzählt mir später, dass er des Öfteren für einen Ägypter gehalten wird; bei diesen werden in vielen Fällen Personalien aufgenommen, die dann zu einer späteren Verhaftung führen, wie auch andere aus der deutschen Gruppe in einem späteren Meeting berichten.

1,5 Stunden später, gegen 14:30 Uhr, fahren dann plötzlich viele dieser Militärwagen vor – in der Nähe von unserem Standpunkt - während andere verteilt rund um den Kreisverkehr stehen; auch werden Gitter gebracht, die z.B. bei der gestrigen Demo verwendet wurden. Wir gehen zügig zum Zoo-Eingang zurück und beobachten zunehmend angespannt die weitere Entwicklung – die Spezialeinsatzkräfte haben sich zwischen Straße und Demonstranten positioniert und auch wir werden von der Polizei beobachtet. Kurz darauf setzen Gabi und ich uns in ein Taxi und lassen uns zu einem Internet-Café im Zentrum bringen. Glücklicherweise erfahren wir später, dass es zu keinen Gewaltanwendungen oder Verhaftungen unserer Leute geführt hat. Allerdings haben viele vorbeifahrende Autofahrer das Peace-Zeichen aus dem Auto heraus gemacht, worauf die Polizei teilweise mit Schlagstöcken gegen die jeweiligen Fahrzeuge geschlagen hat.

In dem Meeting der deutschen Gruppe an diesem Abend wird nochmals von vielen hervorgehoben, wie viel positive Resonanz sie von Ägyptern bzgl. unserer Aktionen bekommen haben. Auch wird nochmals die angespannte Lage der ägyptischen Regierung betont und eine Teilnehmerin erzählt, dass es zuletzt hin und wieder Demonstrationen gegeben hat – unter anderem in Universitäten, wo den Studenten erlaubt ist, zu demonstrieren (sie kann auch arabischsprachige Medien lesen). Anschließend folgt noch eine Besprechung der Demo vom 31.12.; es gibt unterschiedliche Meinungen zum anfänglichen Sit-In. Ich erwäge zusammen mit ein paar Leuten am 03.01. gen Rafah zu fahren (evtl. über Nebenwege um Checkpoints zu umgehen) um an der Rafah-Grenze eine Art Checkpoint-Watch durchzuführen. Hintergrund ist, dass vom 03.- 06.01, direkt nach dem „Gaza Freedom March“, die Grenze zum Gaza-Streifen für Bewohner Gazas als auch Ägypter geöffnet sein soll. Ich fliege allerdings am 06.01. schon wieder von Kairo zurück.
Nachtrag bzgl. der Checkpoint-Watch: Wegen Zeitmangel gebe ich das Vorhaben einen Tag später auf. Zudem erfahre ich von Günter Wimmer abends, dass er versucht hat, nach Al Arish zu gelangen, aber wieder umkehren musste, nachdem die Sicherheitskräfte seinen Namen auf der Liste der Freiheitsmarschierer gefunden haben.

31.12.2009:

Gabi und ich hinterlegen unsere Reisepass-Kopien im Hotelzimmer und brechen auf gen Ägyptisches Museum. Wir kommen dort um halb 10 Uhr an - es sind schon recht viele Sicherheitskräfte vor dem Museumseingang - und gehen (bin innerlich angespannt..), wie Touristen, zunächst in einen Souvernirladen. Dort treffen wir einen anderen aus der deutschen Gruppe, Benjamin Rassbach, der per SMS Infos bzgl. der weiteren Vorgehensweise bekommt. Als wir einmal aus dem Laden heraustreten um zu prüfen, ob sich was bzgl. des für 10 Uhr geplanten Marsches ankündigt, wird uns gesagt, dass wir aufgrund einer Aktion für Gaza dort nicht stehen bleiben dürfen. Benjamin ist plötzlich nicht mehr da und wir sehen, dass die Aktion vor dem Museum begonnen hat. Gabi und ich bewegen uns auf die von viel Polizei umringten Menschenmenge zu. Als wir uns der Stelle auf der Hauptverkehrstraße nähern sagen uns ein paar Aktivisten, dass es zu Gewalttätigkeiten gekommen ist. Nach kurzer Zeit sind die Leute von der Polizei auf den Platz neben der Straße gedrängt worden und eingekesselt; wir stehen daneben. Ich ziehe noch schnell mein Gaza-Freiheitsmarsch-T-Shirt an und rufe zusammen mit den anderen Friedensaktivisten "Free Gaza", "Boykott Israel",.. Plötzlich erscheinen mehr Polizisten rings um uns herum. Gabi drängt mich zu gehen - sie zieht mich aufgeregt am Arm in eine Richtung, da sich dort aber schon Polizisten befinden, rede ich auf sie ein, es woanders zu versuchen den Platz zu verlassen. Zu spät! Wir sind von einer neugebildeten Reihe von Polizisten eingekreist. Gabi läuft schnell auf die Polizisten und bittet sie vehement, uns noch rauszulassen, aber vergebens. Wir sind eingekesselt.

links: Juliane Bieberstein

Nach kurzer Zeit sehen wir ein paar bekannte Gesichter, z.B. Silviane, eine Französin, die schon lange in Deutschland lebt. Sie war schon zu Anfang der Aktion dabei und erzählt uns, was passiert ist. Die sich auf der Strasse befindlichen Aktivisten begannen einen Sitzstreik, nachdem sie aufgefordert wurden zu gehen, worauf die Polizei gewalttätig vorgeht. Silviane wurde auf den Kopf geschlagen und anschließend zu Boden gedrückt, glücklicherweise wird sie nicht ernsthaft verletzt. Eine weitere Frau aus der Gruppe, Alexandra, war auch dabei. Sie erzählt, dass die Aktivisten zunächst geschlagen wurden, wobei keine Rücksicht auf Ältere genommen wurde, und dass sie anschließend mit einem Gitter zum Straßenrand hin gedrückt wurden: letzteres sei weniger gewalttätig gewesen. Betroffen von den Gewalttätigkeiten seien etwas 100 Personen gewesen. Relativ zu Anfang des Eingeschlossenseins stehen wir neben einer Frau, deren Freund wegen Blutdruckproblemen auf dem Boden sitzt. Die Polizisten gehen allerdings nicht auf ihre Bitte ein, ihn rauszulassen.  Da ich die Stelle direkt neben den Polizisten zu gefährlich finde (wer weiß wie sich die Situation noch entwickelt), gehen wir etwas weiter; wir stehen nun nahe an einem Geländer (die Polizisten stehen dahinter). Allmählich gesellen sich mehr und mehr Aktivisten aus unserer deutschen Gruppe dazu, mit denen wir unsere Eindrücke und Erfahrungen austauschen. Einige Leute haben Plakate dabei oder tragen T-Shirts zum Gaza Freedom March oder dem Boykott Israels (letzteres viel aus der französischen Gruppe, die mit ca. 300 Personen die zweitgrößte Gruppe nach den Amerikanern darstellt). Die eingekesselten Aktivisten heute auf dem Platz betragen etwa 400 Leute, wir sind recht dicht gedrängt, da die Polizei den Kreis enger gezogen hat. Ich erfahre, dass viele Leute bei ihren Hotels schon seit (mind.) 09:00 Uhr eingeschlossen sind (z.B. beim Hotel Lotus). Daher mache ich wohl auch keine Leute von CodePink, der Organisation, die den Marsch organisiert hat, auf dem Platz aus.

Kurz nachdem wir eingeschlossen wurden, rufe ich die Deutsche Botschaft in Kairo (Notfallnummer) an um unsere Situation zu schildern (dass wir eingeschlossen sind und dass Leute geschlagen wurden). Der Botschaftsvertreter, Stefan Lanzinger, sagt, dass sie die Situation weiter beobachten werden und dass die Deutsche Botschaft aufgrund des Versammlungsverbots nicht viel tun kann. Ägypten sei ein anderes Land mit anderen Regeln. Wir sollten auf jeden Fall in Kontakt bleiben und ich sollte Neuigkeiten der Botschaft berichten. Zu einem späteren Zeitpunkt ruft er mich an um mir mitzuteilen, dass er mittlerweile am Rande des Geschehens ist und ob ich mehr wüsste - dies ist nicht der Fall. Die Polizei gibt uns ebenfalls keine Auskunft.

Einige Zeit nachdem wir von der Polizei eingekreist wurden (mind. 1 Stunde ist wohl vergangen) werden wir von einer Aktivistin mit Megaphon gebeten uns zu setzen, da neue Informationen verteilt werden sollen. Nacheinander sprechen nun Personen verschiedener Gruppen bzw. Länder, mal in Englisch, mal auf Französisch. Nachfolgend ein Auszug des Gesagten: Südafrikanischer Aktivist: "Helft uns zu kämpfen! .. Unser Volk wird nicht frei sein solange es die Palästinenser nicht sind! Beendet Apartheid!", Amerikanische Aktivistin: "Wir sind hier um die Blockade von Gaza zu beenden!", Italienischer Aktivist: "Wir wollen sagen, dass wir für Gaza sind! .. Unsere Nachricht wird Gaza erreichen!", Französischer Aktivist: "Bonjour tous les monde! Was für eine Freude diese Solidarität zu sehen! Wir werden den Kampf fortführen!"

Mitte: Vertreter d. Dt. Botschaft Hr. Lanzinger

Plötzlich gibt es ein wenig Aufruhr in der Menge, einige Leute stehen auf, wie auch ich um zu sehen was passiert. Jemand sagt, dass die Polizei verstärkt wurde: wir sind nun, zumindest zum Teil, von 3 Reihen Polizisten umgeben. Von ein paar Aktivisten werden wir aufgefordert uns wieder zu setzen, was schließlich auch passiert. Zwischen den einzelnen kurzen Vorträgen machen die Aktivisten gemeinsam Sprechchöre, z.B. "We are not afraid!", "Hey hey ho ho the siege must go!", "Nous somme tous les Palestinas!" (übersetzt: "Wir sind alle Palästinenser!").

13:30 Uhr: Es sind annähernd drei Stunden vergangen, seitdem wir eingeschlossen wurden. Ein Aktivist kommt auf uns zu, ob wir hier nicht Silvester feiern wollten und ob wir Champagner dabei hätten! Auch teilt er uns mit, dass es jetzt möglich ist, an der Polizei vorbei den Platz zu verlassen und auch wiederzukehren. Mit Gabi mache ich mich zusammen auf; wir kehren dann allerdings wieder um als uns Dr. Sayed Tarmassi (aus der deutschen Gruppe) zusammen mit dem Vertreter der Botschaft, Stefan Lanzinger, entgegenkommt. Er erzählt den hier versammelten Deutschen, dass er seit zwei Stunden hier sei und mit den Verantwortlichen für die Sicherheit gesprochen habe. Als Vertreter der Botschaft sei er besorgt um unsere Sicherheit und stellt auch klar, dass Demonstrationen in Kairo verboten seien. Ägypten verstehe in dieser Hinsicht keinen Spaß. Dann erzählt er, dass Ägypten zugesichert habe, dass jeder gehen darf und dass sie keine Pässe sehen wollen. Zudem weist Herr Lanzinger darauf hin, dass es in der Vergangenheit auch Verhaftungen von ausländischen Demonstranten gab und dass Leute abgeschoben wurden (bei einem Freiheitsmarsch für Gaza). Er stellt klar, dass die Deutsche Botschaft bei einer Verhaftung nur wenig machen kann und dass er auch nur eine Nacht im Gefängnis in Ägypten niemanden empfehlen würde.

Im Anschluss werden noch politische Fragen mit dem Botschaftsvertreter erörtert. Danach brechen Gabi und ich erneut auf. Nachdem wir die Polizisten hinter uns gelassen haben treffen wir auf zwei aus unserer Gruppe, die versuchen reinzukommen, allerdings keinerlei Getränke mitnehmen dürfen. Die Polizei versucht offensichtlich zu vermeiden, dass die Demonstration länger dauert, z.B. bis ins Neue Jahr - einige Aktivisten haben Isomatte und Schlafsack dabei. Etwa eine Stunde, nachdem wir den Platz verlassen haben, fahren wir mit einem Taxi nochmal an der Demonstration vorbei, die noch in vollem Gange ist. Ich schieße ein paar Fotos und verärgere damit offensichtlich einen Polizisten in Zivil (Kopfschütteln seinerseits), was aber glücklicherweise keine Folgen für mich hat.

Rechts unten: Juliane Bieberstein

Nach dem Aktualisieren der Website laden wir unsere Sachen kurz im Hotel ab bevor wir zum Platz T’alab Harb aufbrechen, wo wir mehrere aus unserer deutschen Gruppe treffen. Zusammen brechen wir kurz nach 19 Uhr auf um noch etwas essen zu gehen. Dabei erfahre ich auch, dass die Versammlung auf dem Platz vor dem Museum noch bis ca. 17 Uhr gedauert hat. Dies wurde von den Delegierten der einzelnen Länder entschieden, da viele Leute bereits gegangen waren (noch etwa 100 waren übrig) und anscheinend eine Infiltrierung vom Geheimdienst vorlag, was schon durch die Kleidung erkennbar war. Mir war bei mehreren Aktionen auch schon ein Mann aufgefallen, der wie ein Aktivist gekleidet war, aber völlig konzentriert um sich schaute und emotional unbeteiligt an dem Treiben um sich herum schien. Vor dem allgemeinen Aufbruch gab es noch eine 20-minütige Kundgebung.

Nach dem Essen gehen wir gemeinsam zu dem Platz, wo wir ins neue Jahr feiern wollen. Dort angekommen, bekommt jeder ein Teelicht; wir singen Lieder und machen ein paar Sprechchöre. Als ich ein paar Worte mit einem jungen Ägypter wechsle und ihn auf die für ihn wesentlich höhere Gefahr, an Demos in Kairo teilzunehmen, anspreche, erzählt er mir, dass er bereits in Haft saß und keine Angst hätte. Etwas später telefoniert eine Organisatorin von CodePink, Medea Benjamin, mit Jemandem aus Gaza, um ihm mitzuteilen, dass wir nächstes Jahr dort feiern werden! Bislang waren nur vereinzelt Polizisten auf dem Platz zu sehen, aber plötzlich – gegen 00:30 Uhr füllt er sich schnell mit vielen Spezialeinsatzkräften. Gabi Bieberstein und ich sehen zu, dass wir den Platz schnell verlassen, was zum Glück auch gelingt. Von außen ergibt sich folgendes Bild: eine formierte Gruppe von Spezialeinsatzkräften steht sich einer Gruppe von Aktivisten gegenüber, jeweils schätzungsweise etwa 200 Leute. Auch mache ich den jungen Ägypter von vorhin aus, der zusammen mit ein paar anderen Leuten in sicherer Entfernung das Geschehen beobachtet.

An Neujahr erfahre ich bei dem täglichen Meeting der deutschen Gruppe wie es weiterging, nach dem wir den Ort verlassen haben. Media ging auf den zuständigen Offizier zu um die Situation zu deeskalieren. Etwa 5min später wurden die Spezialeinsatzkräfte an den Rand geschickt und die Neujahrsfeier ging mit Gesang und Tanz weiter. Auch wurden Süßigkeiten verteilt, unter Anderem auch an die Polizisten!

30.12.2009:

Bei dem morgendlichen Meeting im Hotel Crowne erfahren wir, dass etwa zeitgleich ein Treffen mit südafrikanischen Aktivisten stattfindet, dass wir somit leider verpassen. Mittags werden alle Aktivisten aufgefordert, zu dem Camp der Franzosen vor der französischen Botschaft zu gehen. Da ich mich aber nicht  so gut fühle, gehen Gabi und ich anschließend wieder zum Hotel zurück. Abends treffen wir zum Delegierten-Treffen im Lotus-Hotel auf - da sind wir aber nicht die einzigen: Der Frühstücksraum ist bei weitem zu klein für die vielen Leute, die dort hingefahren sind und sich über mehrere Treppen verteilen. Wir treffen im Foyer immerhin Gottfried Dernbecher, einer aus unserer deutschen Gruppe, mit dem ich unsere ägyptische Telefonnr. tausche. Er berichtet uns des Weiteren vom dem Plan für den morgigen Tag, wo wir von Kairo aus nach Gaza marschieren wollen - auch wenn wir sehr wahrscheinlich nicht weit kommen werden. Anschließend mache ich mich noch auf die Suche nach einem Gaza-Freiheitsmarsch-T-Shirt und ergattere tatsächlich noch eins - die letzten werden mittlerweile verschenkt. Danach gehen wir noch in den gegenüberliegenden Imbiss Felfela, wo wir uns für kleines Geld stärken und ein paar andere Aktivisten treffen.

unten: Hungerstreiker, links unten Hedy Epstein

29.12.2009:

Nehme erstmalig um 08:30 Uhr an einem der Briefings teil, das im Hotel Lotus stattfindet. Dorthin fahre ich zusammen mit Elsa Rassbach und Dr. Helmut Käss. Der Frühstücksraum ist voll, als wir etwas verspätet starten. Die meisten sind Amerikaner, einige sind von CodePink. Unter Anderem erzählen dort die Hungerstreikenden von ihren Erfahrungen, wie sie sich fühlen und eine Anwesende weist die Gruppe noch daraufhin, dass die Ägypter bei unseren Demonstrationen ein wesentlich höheres Risiko eingehen, was wir berücksichtigen sollten.

14:15 Uhr laufen wir vom Hotel Crown Richtung dem Pressesyndikat, wo eine Presseversammlung zusammen mit dem ZDF stattfinden soll. Als wir dort eintreffen, ist eine große Gruppe vor dem Gebäude versammelt und viele Leute, z.B. von CodePink sind auf den Treppen mit verschieden beschrifteten Plakaten in unterschiedlichen Sprachen: „Free Gaza!“, „Weg mit der Mauer!“ (letzteres aus unserer deutschen Delegation). Einige Presseleute sind da, die filmen, fotografieren und Interviews führen. In den gut 1,5 Stunden, in denen wir uns dort aufhalten, werden Parolen wie „Gaza“, „Free Gaza!“, „Free Palestine!“ (zusätzlich noch auf Arabisch, Englisch, Französisch und Italienisch) gerufen. Die Polizei ist präsent, wie auch bei den anderen Demonstrationen, greift aber nicht ein. Einige Ägypter beobachten die Szenerie von der Straße aus und viele fahren langsam (aufgrund des vielen Verkehrs) an uns vorbei und sehen die Demonstration. Ich erfahre, dass es um 14 Uhr eine Pressesitzung mit dem ZDF und der dpa gab, die ägyptischen Behörden allerdings große Kameras verboten haben. Peter Voss war dabei und hat gefilmt, unter Anderem ein Interview mit Hedy Epstein (eine Holocaust-Überlebende, die zusammen mit einigen anderen in Hungerstreik gegangen ist). 15:45 Uhr brechen wir wieder zum Hotel Crown auf, wo spontan von Elsa ein Treffen vereinbart wurde, da wegen Koordinationsschwierigkeiten auf dem Treffen mittags kaum Leute dabei waren. Ein sehr wichtiger Punkt ist das Finden einer neuen Koordinatorin/eines neuen Koordinators, da sich die bisherige Koordinatorin Edith Lutz verstärkt darum widmet, Medikamente etc. nach Gaza zu bringen. Des Weiteren wird besprochen, dass ab sofort um 10 Uhr ein Treffen der deutschen Delegation stattfinden soll. Drei Leute werden von den (englischsprachigen) Treffen, die morgendlich um 08:30 Uhr in drei verschiedenen Hotels stattfinden, berichten. Stefan Ziefle erklärt sich bereit, als Koordinator für die deutsche Delegation zu fungieren und wird darin von der Gruppe unterstützt.
Weiteres: Angeblich sind ein paar Leute des Freiheitsmarsches in Rafah, vor(!) der Grenze.
Aus der Türkei sind ca. 150 Trucks unterwegs, inkl. Krankenwagen; Amerikaner sind auch dabei. Allerdings müssen sie einen großen Umweg fahren, der mit hohen Zusatzkosten verbunden ist.

Eine gute Nachricht bzgl. der deutschen Presse: Heute gab es einen Bericht im Deutschland Radio über unsere Fahrt nach Rafah. Zudem sollen drei große Tageszeitungen über uns berichtet haben (eine davon ist die New York Times). Desweiteren: ein 1,5 minütiger Bericht in den "Heute"-Nachrichten um 19 Uhr.

Pläne/Treffen für morgen:
1. 12:00 Uhr: Treffen der Gaza-Freedom-Hungerstriker zum Informieren anderer, die darüber nachdenken, ebenfalls in den Hungerstreik zu treten.
2. 21:00 Uhr: Es findet ein Meeting bei den Franzosen zum Marsch morgen, (ohne zeitlichen Rahmen) zur Besprechung von Details statt.

28.12.2009:

06:00 Uhr: Der Wecker klingelt nach etwa 6 Stunden Schlaf. Wir bereiten uns schnell für die Abreise nach El Arish, nahe von Rafah, vor und haben noch Zeit für einen Kaffee bevor wir aufbrechen müssen. Unten vorm Hostel versuchen wir Taxen für die kurze Fahrt zum Treffpunkt zu organisieren. Zwei Taxen halten und nach einer kurzen Diskussion mit den Fahrern bzgl. unseres Reiseziels fährt das erste Taxi los, leider mit dem Gepäck einer Teilnehmerin, die in das Taxi nicht mehr rein passt. Sie versucht noch, das Taxi aufzuhalten aber da fahren wir schon los. Kaum einen Kilometer weiter erreichen wir den vereinbarten Treffpunkt. Die Polizei ist, wie wir bereits befürchtet hatten, schon anwesend und hindert den Fahrer daran, anzuhalten. Er fährt weiter, während eine Frau von CodePink (erkennbar durch pinkfarbene Kleidung!) die Beifahrertür öffnet und uns fragt wo wir hinwollen. Ich gebe den Treffpunkt an, sie bestätigt, dass wir ihn erreicht haben und wir reden auf den Fahrer ein, während die Frau neben dem Auto mitläuft, uns bitte rauszulassen. Leider vergeblich. Wir fahren noch etwa 300 m weiter bevor der Fahrer kurz vor einer Kreuzung anhält, mit der Bemerkung, dass er Probleme bekommen könnte. Wir geben ihm schnell 10 Pfund und versammeln uns auf dem Bürgersteig. Dort diskutieren wir wie es weitergehen soll ohne zu wissen, wo sich das andere Taxi befindet. Nach kurzer Zeit kommen drei schwarzgekleidete Männer, die uns auf Englisch fragen wo wir hinwollen. Da wir sie dem Geheimdienst zuordnen geben wir nur zögerlich Auskunft. Unser nächstes Ziel ist der Busbahnhof, den wir auch tatsächlich erreichen: Ich sitze im 2. Taxi, einer der Mitfahrenden, Dr. Helmut Käss, sagt dem Fahrer, er solle dem anderen Taxi folgen und wo wir hinwollen. Leider verschwindet das Taxi aus unserem Blick, zudem reagiert der Fahrer nicht auf unsere Fragen, aber wir erreichen glücklicherweise unser Ziel, wo wir sofort ein paar andere aus unserer deutschen Delegation treffen.

Der Busbahnhof ähnelt von seinen Ausmaßen einem Bahnhof. Da die Zeit bis zur Abfahrt des Busses (07:30) knapp ist, wartet eine von uns, Brigitte Gärtner, am Schalter um die Karten zu kaufen und ich gehe mit den Übrigen zur Abfahrtsstelle, die wir auf Nachfrage erfahren. Ich kehre noch mal kurz zurück, da die Zeit drängt und Brigitte möglicherweise den Weg nicht findet. Als wir zurückkehren, dauert es allerdings noch eine Weile bis es losgeht. Elsa Rassbach trifft noch rechtzeitig ein, um ihr Gepäck in Empfang zu nehmen, von dem sie morgens in der Hektik getrennt wurde. Sie wartet auf weitere Teilnehmer und steigt dann zusammen mit ihnen in den Linienbus. Dieser fährt dann kurz vor 8 Uhr los. Von uns sind 16 dabei; auf der Fahrt beschließen wir, dass wir uns als zwei getrennte Reisegruppen ausgeben wollen, uns dabei aber nicht aus den Augen verlieren. Ein Reiseleiter ist Dr. Sayed Tarmassi, ein Arzt, der während der israelischen Gaza-Offensive im Januar dieses Jahres im Gaza-Streifen war, und die andere Gruppe, zu der Gabi Bieberstein und ich gehören, wird von Mouna geleitet. Elsa, die schon zwei Tage zuvor spontan einen Teil der Koordination – neben Dr. Edith Lutz – übernommen hat, telefoniert im Bus mehrfach mit Ann Wright (ein Codepink-Mitglied und Oberst in Ruhestand), um zu erfahren wie wir am besten weiter vorgehen sollen. Sie erfährt, dass Leute von Codepink am ursprünglichen Treffpunkt zivilen Widerstand ausgeübt hätten (dort wollte sie eigentlich auch mitmachen, musste dann aber ihr Gepäck suchen). Die Polizei kreiste die Gruppe ein, verhaftete allerdings niemanden. Zudem wird ihr mitgeteilt, dass ein paar Leute des Freiheitsmarsches versucht haben, nach El Arish zu gelangen; sie wurden allerdings etwa 150 km vor dem Ziel seitens der Polizei aufgefordert umzudrehen. Da die Begründung lautete, dass die Personen keine Hotel-Reservierung dabeihätten und man vermeiden wolle, dass Leute campen, legen wir uns auf der Fahrt einen Text zurecht, den wir auf Nachfrage den Behörden sagen können: Wir seien Touristen, die in den Sinai reisen wollen und unser deutscher Reiseveranstalter, die IPPNW, hätte im Rahmen einer Bildungsreise für uns Zimmer im Hotel Sinai Star gebucht (die Reservierung erfolgte tatsächlich durch Codepink), das einzige Hotel, wo noch Zimmer frei wären. Nun heißt es nur noch: Daumen drücken, dass wir die Checkpoints passieren können! Ein weiterer Hinweis von Sayed lautet, dass wir 2 Kopien unseres Reisepasses für den Grenzübertritt in den Gaza-Streifen bräuchten. Da Gabi und ich keine Kopien dabeihaben, werden wir das noch in El Arish nachholen müssen.

Neben einigen Teilnehmern, die nach El Arish fahren, gibt es auch ein paar, die in Kairo bleiben und sich um Medienarbeit kümmern wollen, darunter Dr. Edith Lutz und Leute von CodePink. Nach etwa 3,5 Stunden Fahrt werden wir schließlich von den Behörden angehalten. Unsere Reisepässe werden zur Prüfung eingesammelt und wir werden nach der Größe unserer Gruppe gefragt. Gabi und ich versuchen in der gezwungenen Pause Wasser zu kaufen sowie eine Toilette aufzusuchen. Leider handelt es sich aber nicht um eine normale Raststätte. Ein Mann gibt mir eine kleine Flasche, in dem sich offensichtlich Leitungswasser befindet und das ich auf Raten der anderen vorsichtshalber nicht trinke. Uns werden nach kurzer Frage unseres Zwecks der Reise (Bildungsreise) die Toiletten gezeigt, anschließend kehren wir dann zu den anderen zurück, die nach wie vor warten. Etwa eine halbe Stunde sprechen die ägyptischen Behörden mit Sayed und Dr. Ute Lampe bevor wir dann allerdings die Nachricht erfahren, dass wir nicht weiterfahren dürfen. Zunächst heißt es, dass wir mit Minibussen nach Port Said gefahren werden. Elsa telefoniert mit Ann Wright und teilt uns ihren Vorschlag mit, dorthin zu fahren, etwas Urlaub zu machen und dann zu versuchen per Taxi auf Nebenwegen (laut Sayed möglicherweise gefährlich) El Arish zu erreichen. Leider erfahren wir dann durch die Polizisten, dass wir doch zurück nach Kairo fahren müssen (als Grund wird lediglich Sicherheit genannt). Wir verteilen uns, zusammen mit ein paar anderen Freiheitsmarschteilnehmern aus Irland, Frankreich und den USA auf zwei Minibusse und fahren los – ohne unsere Reisepässe. Zunächst heißt es, dass wir diese erst in Kairo wieder zurückkriegen würden, aber nach dem Protest dreier junger amerikanischer Teilnehmer versprechen Sie uns, uns die Reisepässe nach ein paar Kilometern zurückzugeben. Dies geschieht allerdings nicht, wir werden immer wieder vertröstet. Schließlich telefoniert Sayed an einem Haltepunkt mit der Deutschen Botschaft, die klarstellen, dass es nicht in Ordnung ist, dass unsere Pässe einbehalten werden (ohne dass sie den genauen Zusammenhang wissen). Ein paar von unserer Delegation beginnen einen Sitzstreik, dem sich die meisten anschließen, um die Pässe zurück zu erhalten. Wenige Minuten später bekommen wir dann tatsächlich unsere für mehrere Stunden(!) einbehaltenen Pässe zurück! Ein paar von uns rufen laut „Free Gaza!“, bevor alle in die Busse steigen. Auf dem gesamten Rückweg, bis kurz vor Kairo, werden wir von einem Polizeiwagen eskortiert.

Als wir schließlich Kairo erreichen (und die Minibusfahrer bezahlt haben), liegt die Schwierigkeit noch darin, neue Unterkünfte zu finden, da wir unsere Hotels morgens mit Sack und Pack verlassen haben. Nachdem wir abends schließlich ein gut gelegenes Hotel gefunden haben, wo viele von uns Platz finden und wir uns etwas eingerichtet haben, treffen wir uns noch gegen 22 Uhr im Foyer zur Besprechung. Für den kommenden Tag ist ein Besuch bei der Deutschen Botschaft geplant, ein Termin steht allerdings noch nicht fest. Ein Punkt: Ein großes Dankeschön für das schnelle Einspringen für die Rückerhaltung unserer Pässe (die amerikanische Delegation hat, soweit wir erfahren, keinerlei Rückhalt von der amerikanischen Botschaft erhalten). Das nächste Treffen wird dann am kommenden Tag um 09:30 im Hotel Dahab stattfinden.

Dachterasse vom Dahab-Hostel

27.12.2009:

Nachdem wir am vorherigen Tag sehr spät unsere Hotelzimmer bezogen haben, sind wir entsprechend müde an diesem Morgen. Gabi Bieberstein und ich haben zusammen mit zwei anderen Aktivistinnen ein kleines 4-Bett-Zimmer bezogen. Das Hostel ist sehr einfach, hat aber eine sehr schöne Dachterrasse, wo ich morgens zusammen mit einer anderen Deutschen, Brigitte Gärtner, frühstücke. Um 11 Uhr findet dann das 1. Treffen der „deutschen Delegation“ statt - ebenfalls auf der Dachterrasse, da hier die meisten von uns untergebracht sind. Die erste Aktion findet auf einer Brücke in Kairo statt. Es werden größere Karten verteilt, die wir beschriften sollen um sie anschließend – für die Passanten sichtbar – an der Brücke zu befestigen. Wegen des Versammlungsverbots in Ägypten sollen wir in kleinen Gruppen losgehen, max. 5 Leute. Ich mache mich im Anschluss an die Sitzung mit einer kleinen Gruppe auf den Weg gen Nil. Als wir einmal eine stark befahrene Kreuzung überqueren und uns bereits in der Mitte befinden, streckt eine der Teilnehmerinnen beherzt ihren Arm aus um den Weg für uns freizumachen. Ampeln werden auch grundsätzlich nicht von Autos (genauso wenig wie von Passanten) beachtet, wie ich auf unserer gestrigen abenteuerlichen nächtlichen Fahrt vom Flughafen aus feststellen musste. Als wir die Brücke erreichen, haben wir zunächst den Eindruck, dass dort gar nichts stattfindet. Wir machen ein paar Aktivisten auf der gegenüberliegenden Straße aus, Blumen, die auf das Geländer gelegt wurden sowie Polizisten, die gerade dabei sind, Karten abzuschneiden. Als wir einigen Abstand zwischen uns und der Polizei haben, befestigen wir ebenfalls unsere paar Karten und gehen dann weiter; kurze Zeit später werden auch diese von der Polizei entfernt. Wir überqueren die Brücke, schauen uns ein wenig die Gegend an (unter Anderem einen netten Park am Nil) bevor wir uns auf den Rückweg machen. Nach dem Mittagessen steht die 2. Aktion dieses Tages an, an der ich dann aber nicht teilnehme, da es Gabi nicht so gut geht. Später erfahre ich dann von einem Aktivisten, der dabei war, dass die Aktion quasi ins Wasser gefallen ist, da die Polizisten die Teilnehmer für etwa eine Stunde umzingelt haben. Geplant war das Fahren mit mehreren Booten, bei denen jeder einzelne Aktivist ein schwimmendes Teelicht mit dem Namen eines der Getöteten der Gaza-Offensive ins Wasser setzen würde (ca. 1360 Aktivisten vs. ca. 1.400 Getötete). Abends um 19:30 Uhr wurde ein wichtiges Treffen an einem Platz angekündigt, wo ich mit Gabi und einer Aktivistin aus Österreich (diese haben sich aufgrund der geringen Anzahl mit den Deutschen zusammengeschlossen) zusammen hingehe. Dort spricht eine Koordinatorin von CodePink vor einer größeren Menschenmenge, ein paar hundert Aktivisten sind dort versammelt. Ein Australier, mit dem ich ins Gespräch komme, gibt mir netterweise das Gesagte weiter, da sie leider nicht so gut zu verstehen ist. Leider gibt’s eine schlechte Nachricht: Den Bus-Unternehmen wurde Druck seitens der Regierung gemacht uns nicht zur Grenze zu bringen, wir werden es allerdings nach wie vor versuchen. Der Alternativplan für den Fall, dass keine Busse da sind, lautet, dass wir mit Linien- oder mit Minibussen fahren. Ursprünglich war eine Kirche für das Treffen angemietet worden, allerdings hat die Regierung uns die Genehmigung dafür entzogen. Am Rande der Gruppe stehen Polizisten, die irgendwann die Ägypter in der Versammlung auffordern sich zu entfernen. Der Australier wertet dies gleich als schlechtes Zeichen; Gabi Bieberstein drängt mich schon zu gehen, ich möchte aber lieber noch ein wenig bleiben. Gegen Ende der Versammlung werden die Teilnehmenden aufgefordert, sich ihrer Gruppe bzw. Delegation anzuschließen. Gabi und ich gesellen uns daher zu der deutschen Gruppe, wo wir einige bekannte Gesichter wieder sehen und Aufkleber zu Palästina bekommen. Als wir beide uns endlich auf den Weg zurück zum Hotel machen, kommen wir am Café Riche vorbei, wo wir noch zu Abend essen.